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Ergonomie

Ergonomie und betriebliche Gesundheitsförderung

Das Karussell der betrieblichen Abläufe kreist immer schneller, der Druck auf alle ist größer geworden; dieser Trend ist in den nächsten Jahren nicht aufzuhalten. Die Arbeitsbedingungen von morgen werden an die Beschäftigten hohe Ansprüche stellen, sowohl was ihre Belastbarkeit, wie auch ihre fachliche und soziale Kompetenz und insgesamt ihre Lernbereitschaft betrifft. Verantwortung für Teamtreue und Qualitätserwartungen werden Art und Dichte des Leistungsgeschehens bestimmen. Gesundheitsrisiken werden Krankenstände negativ beeinflussen, wenn dem nicht angemessen entgegen gewirkt wird. Hochkonzentriertes Arbeiten unter Zeitdruck mit häufigen Unterbrechungen wird genauso erforderlich sein, wie steigende Ansprüche an zwischenmenschliche Beziehungen und emotionale Fähigkeiten gegenüber Team und Kunden. Betriebliches Gesundheitsmanagement unterstützt durch qualifizierte Maßnahmen und optimierte Arbeitsabläufe sowie optimierte Organisation und eine partnerschaftliche und positive Unternehmenskultur erreichen. Dazu gehören verhaltens- und verhältnispräventive Maßnahmen.
Wer Hochleistung bringt, braucht auch hochleistungsfähige Geräte. Dieser Grundsatz gilt für den Sport, ebenso wie für den Arbeitsplatz. Wer genug Erfahrung in betrieblichem Gesundheitsmanagement gemacht hat, weiß wie wichtig die Gesetze der Ergonomie sind, um den Mitarbeitern vor Leistungseinbussen oder Spätschäden zu bewahren.

Anatomische Betrachtungen zum Sitzen.

Im Gegensatz zum Stehen, ist das Becken beim Sitzen im Hüftgelenk nicht mehr aufgehängt, sondern lagert mit den Sitzbeinhöckern direkt auf der Sitzunterlage. Die Drehachse wird daher von der Hüftgelenksgegend im Bereich der jeweiligen Berührungsfläche zwischen dem Gesäß und dessen Auflagefläche verlegt. Das Becken rollt also auf der Sitzunterlage. Die Verlegung der Achse in den Bereich der Sitzunterlage verlängert den Hebelarm beim Aufrichten des Beckens. Dadurch entstehen beim Sitzen größere Drehkräfte als beim Stehen. Auch die muskulären Zugbedingungen ändern sich beim Sitzen ganz erheblich. Während die Rücken- und Bauchmuskulatur ähnliche Wirksamkeit wie im Stehen entfaltet, wird die Kontraktion der Psoasmuskulatur – dieser Muskel zieht von der Innenseite der Wirbelsäule und von Teilen der Darmbeinschaufel zum Oberschenkel – durch die 90 Grad – Haltung erschwert und nur durch eine Oberschenkelspreizung etwas verbessert ( s. Sitzhaltung der Jogis ). Das Becken dreht sich beim Hinsetzen automatisch in die gleiche Richtung wie der Oberschenkel, was einer Beckenaufrichtung entspricht. Diese ca. 30 Grad umfassende Aufrichtung des Beckens bedeutet, dass sich die Basisfläche des Kreuzbeines fast horizontal stellt. Aufgrund der Verbindung Becken / Wirbelsäule bildet die Lendenwirbelsäule eine starke Krümmung nach oben, anstelle der normalen Lendenlordose.

Vom Stehen zum Sitzen: Änderung der Beckenstellung und der Lendenwirbelsäulenkrümmung.

Die Folgen sind auf den Rücken wirkende Drehmomente, gekoppelt mit erheblich mehr Aufwand an Muskelarbeit für die Rückenmuskulatur. Die Bandscheiben des 4. und 5. Lendenwirbels erfahren eine sehr starke Belastung. Beugt sich der Mensch noch weiter nach vorne, um seine Arbeit am Tisch auszuüben, so steigt der Druck auf die Bandscheibe erheblich an. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Biegespannungen in der Wirbelsäule und Druckspannungen im Bereich von Brustbein und Rippen sowie Gelenken. Haben die Biegespannungen ein bestimmtes Ausmaß erreicht, kann der Kern der Bandscheibe nach hinten gegen den Wirbelkanal gedrückt werden (Bandscheibenvorfall). Beim unphysiologischen Sitzen, das durch einen Rundrücken gekennzeichnet ist, verdoppelt sich die Belastungen der Bandscheiben im Bereich der Lendenwirbelsäule. Eine kurzfristige Kyphosierung (also Rundrücken) ist ebenso wie die kurzfristige Hohlkreuzhaltung bei häufigem Haltungswechsel unproblematisch. Im Gegenteil, sie dient zur Erhaltung der Elastizität der Muskulatur zur Beweglichkeit der Wirbelgelenke und ganz besonders zur Ernährung der Wirbelsäule.

 
 

E. Arnold, GEA Radolfzell

   

Alle statischen Körperhaltungen sind dagegen problematisch, da der Mensch kein statisches sondern ein dynamisches Wesen ist, dies gilt besonders für die Sitzhaltung.
Der erste konstruierte Arbeitsstuhl stammt von dem deutschen Orthopäden und Chirurgen Staffel aus dem Jahre 1884. Er ist der Begründer der rechtwinkligen Sitzhaltung. Obwohl er nie eine wirkliche Erklärung dafür abgab, warum diese Haltung das Ideal darstellen sollte. Auch heute noch findet der Kunde der Stuhlmöbelindustrie auf Hochglanzpapier gedruckte Abbildungen eines idealsitzenden Menschen. Dabei weiß der Kunde und auch oft der Verkäufer nicht, dass es sich dabei um eine Momentaufnahme handelt. D.h. würde dieser abgebildete Mensch den ganzen Tag so sitzen müssen, wäre seine Muskulatur nach kurzer Zeit nicht mehr zu gebrauchen. Die rechtwinklige Arbeitshaltung lässt sich heute nur aufgrund der damals vorherrschenden Körperdisziplin nach militärischen Mustern begründen. Bei dieser Haltung beträgt der Abstand zum waagrechten Arbeitstisch ca. 50 – 60 cm. Um jedoch eine Arbeit verrichten zu können, die Genauigkeit erfordert, müssen unsere Augen einen Abstand von 20 – 40 cm zu dem Gegenstand haben. Hätten wir Körpermaße wie Affen, nämlich relativ lange Arme, wäre dies kein Problem. Also wird sich der Körper nach vorne neigen, das Becken dreht sich dabei nach hinten und die Lendenwirbelsäule beschreibt eine starke Kyphose (Rundrücken). Selbst wenn man versuchen wird, auf einen konventionellen Arbeitsstuhl in vorderer Sitzhaltung physiologisch richtig zu sitzen, kommt es zu Überlastungen der Rücken- und Nackenmuskulatur. Zugegeben, es ist schwer auf einen konventionellen Arbeitsstuhl über einen längeren Zeitraum rückengerecht zu sitzen, schlichtweg ist es fast gar nicht möglich. Da der Mensch seine Bewegungen spontan, also ohne bewusste Planung durchführt, werden Fehlhaltungen oft unkontrolliert angenommen und fixieren sich im Laufe der Zeit. Den meisten Menschen werden Informationen der Tiefensensibilität erst dann bewusst, wenn Schmerzen auftreten.

Testen Sie selbst

 



   

Testen Sie selbst, setzen Sie sich an einen Tisch auf einen Stuhl mit waagerechter Sitzfläche. Besitzen Sie den Stuhl auf der gesamten Sitzfläche so, dass Sie sich an die Rückenlehne anlehnen können, vielleicht berührt jetzt schon die Stuhlvorderkante Ihre Kniekehle. Stellen Sie den Stuhl so ein, dass die Oberschenkel zum Oberkörper einen Winkel von 90 Grad bilden. Die Unterarme liegen auf der Tischfläche auf, so wie Sie es gelernt haben, setzen Sie sich bitte mit aufgerichtetem Oberkörper hin. Es wird Ihnen dabei einiges auffallen

  • Sie werden nun feststellen, dass Sie nur dann den Greifraum der Arbeitsfläche annähernd ausnützen können, wenn Sie den Oberkörper dabei nach vorne neigen.
  • Um den Oberkörper über einen längeren Zeitraum aufrecht zu halten, benötigen Sie eine enorme Muskelkraft.
  • Die Spannung der Rückenmuskulatur nimmt von Minute zu Minute deutlich zu, so dass Sie schon nach kurzer Zeit in sich zusammenfallen.
  • Ihr Rücken löst sich langsam von der Rückenlehne, die Schultern fallen nach vorne und behindern auch Ihre Atmung. Atmen Sie bei aufgerichtetem Oberkörper ein - bei nach vorne geneigtem Oberkörper aus - Sie werden allmählich kurzatmig.
  • Vor allem Menschen mit etwas kürzeren Oberschenkeln rutschen allmählich in Richtung Vorderkante des Stuhles. Legen Sie nun ein Sitzkissen, Schaumstoffkeil oder ähnliches auf die Sitzfläche des Stuhles, der Winkel zwischen Oberschenkel und Oberkörper sollte nun mehr als 90 Grad betragen. Sie werden feststellen, dass sich der Oberkörper spielend leicht aufrichten lässt und selbst bei vornübergeneigtem Oberkörper bleibt der Rücken in sich gerader, d.h. für Sie entscheidend beim Sitzen ist die Haltung des Beckens. Unterschiedliche Sitzhaltungen bedeuten für den Körper Entlastung.

Wie wichtig ist die Rückenlehne?

Nach dänischen Untersuchungen wird die Rückenlehne zu 15 % benutzt, die Sitzfläche hingegen zu 85%.
Die Höhe der Rückenlehne ist in vielen Büros abhängig vom sozialen Stand des Benutzers. In der Praxis wird sie allerdings eher weniger benutzt, als man annimmt. Das hängt damit zusammen, dass die meisten Arbeitsabläufe über der Vertikalen des Körpers, also über dem Schreibtisch, sich befinden und eine immer an den Rücken des Benutzers angedrückte Rückenlehen den Benutzer eher aus dem Stuhl herausschiebt, als abstützt. Auch in der hinteren Sitzposition, reicht eine Abstützung der Wirbelsäule bis mitte Brustwirbelsäule voll aus. Die Abstützung des Kopfes wird so gut wie nie gefordert.

Welchen Stuhl für welchen Arbeitsplatz?

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen statischen und dynamischen Arbeitsplätzen.

Für statische Arbeitsplätze sind Stühle geeignet mit einer Neigungsverstellung der Sitzfläche nach vorne bis zu 15 Grad. Anatomisch geformte Sitzformen, um ein Ausrutschen zu vermeiden. Sitztiefenverstellung ggf. Synchronmechanik, höhenverstellbare Armlehnen, hingegen eine überdimensionierte Rückenlehne, die bis zur Halswirbelsäule geht, sorgt nicht unbedingt für Entlastung der Wirbelsäule, im Gegenteil, sie behindert beim Anlehnen nach hinten, die Dehnung der vorderen Brustmuskulatur.

Entscheidend für den dynamischen Sitzarbeitsplatz ist das Sitzverhalten des Benutzers. Ein aufgerichteter Oberkörper ist nicht gleichzusetzen mit einem steifen Oberkörper. Vielmehr ist angestrebt, die Wirbelsäule aus einem ausbalancierten Oberkörper heraus aufzurichten oder kurzfristig, für einige Minuten, in eine Kauerstellung zu sitzen.

Die Stuhlhöhe wird der Unterschenkellänge angepasst, die Sitztiefe entsprechend der Oberschenkellänge.

Die Auswahl an Bürostühlen ist größer denn je. Um so schwerer wird es deshalb für den Einkäufer, das richtige Modell zu finden. Einerseits muss er aus Kostengründen auf den Preis achten, andererseits zieht er den Unmut seiner Kollegen auf sich, wenn er einen günstigen wirbelsäulengerechten Bürostuhl einkauft, der das Etikett nicht verdient hat.

Der Erfahrung nach müssen rückengerechte Bürostühle nicht unbedingt viel teurer sein als Bürostühle ohne das Prädikat „wirbelsäulengerecht“.

Man sollte jedoch, zusätzlich zu den geforderten DIN-Normen, einige wichtige Anforderungen beachten, die der Stuhl erfüllen sollte:

Industriestuhl mit anatomisch geformter Sitzfläche

Während man im Bürobereich ansatzweise ergonomische Erkenntnisse umsetzt, werden Sitz-Arbeitsplätze in Produktionsbereichen weiterhin stiefmütterlich behandelt.

  • Höhenverstellung des Stuhles mittels Gasfeder
  • Horizontale und vertikale Verstellung der Rückenlehne
  • Sitzfläche möglichst gepolstert
  • Sitzflächen bis mindestens 10 Grad nach vorne verstellbar

Je mehr Verstellmöglichkeiten ein Stuhl bietet desto teurer wird er letztendlich sein. Nicht immer wird der Benutzer auf alle Einstellvarianten pochen. Am besten lässt man sich von verschiedenen Anbietern ein begrenztes Kontingent an Probestühlen kommen. Die Mitarbeiter sollen selbst entscheiden können, welcher Stuhl für sie in Frage kommt. Damit wird sich der Einkäufer auch einen möglichen Vorwurf, die falschen Stühle eingekauft zu haben, ersparen und das Unternehmen minimiert das Risiko von Fehlinvestitionen.

»Während man im Bürobereich ansatzweise ergonomische Erkenntnisse umsetzt, werden Sitz-Arbeitsplätze in Produktionsbereichen weiterhin stiefmütterlich behandelt.«

Bürostuhl mit vielen individuellen Verstellmöglichkeiten

  • ausgeprägter, höhen- und tiefenverstellbarer Lumbalkeil in der Rückenlehne.
  • Einzelverstellung von Sitz und Rückenlehnenhöhe und Sitzneigung
  • Sitztiefenverstellung
  • Absenkung der vorderen Sitzkante bei Einnahme der Relaxposition nach hinten
  • getrennt höhenverstellbare Armlehnen
  • Sitzneigungsverstellung nach vorne um mindestens 8 Grad

Die richtige Anpassung der Möbel

Bei der Anpassung der Möbel an Personen unterschiedlicher Körpermaße denkt man vorrangig an die Sitzhaltung (Boden, Stuhl, Tisch).

Für Büro und Industriearbeitsplatz gilt:

  1. Die Höhe des Stuhles wird so eingestellt, dass der Benutzer mit beiden Beinen noch bequem den Boden erreichen kann. Zwischen Oberkörper und Oberschenkel muss der Sitzwinkel auf jeden Fall größer als 90 Grad sein. Man spricht dann vom „offenen Sitzwinkel“.
  2. Die Sitzfläche soll möglichst nach vorne geneigt sein, der Benutzer darf jedoch nicht das Gefühl haben, aus dem Stuhl zu rutschen.
  3. Die Arbeitsfläche soll so angebracht sein, dass bei offenem Sitzwinkel die Arbeitsfläche in Höhe des Bauchnabels ist. Die Höhenverstellung der Tische lässt sich leicht mittels Verstellschrauben oder Distanzklötzen vornehmen.
  4. Dort wo es möglich ist, soll der Arbeitsplatz grundsätzlich eine physiologisch abwechslungsreiche Tätigkeit erlauben. Mehr Dynamik als Statik.

Die wichtigsten Verhaltensregeln für gesundes Sitzen:

  1. Stellen Sie Ihren Stuhl grundsätzlich am Arbeitstisch ein. Nicht im freien Raum.
  2. Stellen Sie die Höhe des Stuhles so ein, dass Sie mit den Füßen bequem auf dem Boden stehen.
  3. Stellen Sie die Sitzfläche möglichst nach vorne ein, ohne das Gefühl zu haben, in der mittleren Sitzposition aus dem Stuhl zu rutschen, Stellen Sie die Sitzfläche ggf. erst nach ein paar Tagen etwas steiler.
  4. Je größer der Winkel zwischen Oberkörper und Oberschenkel desto mehr werden die inneren Organe und Wirbelsäule entlastet.
  5. Die Arbeitsfläche sollte in Bauchnabelhöhe sein.
  6. Es gibt keine Sitzhaltung, die so gut ist die einzige zu sein.
    Also: wechseln sie, so häufig es geht, die Sitzhaltung. Ändern Sie die Sitzposition – vom freien Sitzen in der mittleren und vorderen Sitzhaltung, zum zwischendurch Anlehnen in der hinteren Sitzhaltung.
  7. Entlasten Sie zusätzlich die Rückenmuskulatur und Wirbelgelenke, indem Sie sich zwischendurch der Relax-Mechanik bedienen und entspannt nach hinten lehnen.
  8. Stehen Sie zwischendurch auf und bewegen Sie sich. Nutzen Sie die Zeit, die Sie sich für kurze Arbeiten im Stehen einteilen können.
  9. Ab und zu Anspannungs- und Streckübungen mobilisieren den Kreislauf und fördern die Durchblutung.

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